Dienstag, 7. Februar 2012

Einheit 3 - 3. Stunde: Maß und Messen, 31.1.12

In dieser Stunde führte ich Ihnen eine Menge nützlicher Hilfsmittel zur Ermittlung von Grössen-Verhältnissen vor, von denen wir einige der Reihe nach genauer kennenlernen und deren Anwendung trainieren werden.
Was zunächst trivial und wie selbstverständlich einfach erscheint, hat wie immer auch seine Tücken.
Lassen Sie sich Zeit, machen Sie Fehler, so lange und so viel es braucht - nur eines ist dabei wichtig: Lernen Sie daraus.

Das Geheimnis der ominösen "richtigen Proportionen" erfährt hier seine nüchterne Enthüllung: Es besteht einzig und allein und bloss in Mess-Übungen! Nicht mehr, nicht weniger, kein Geheimnis, keine Magie, kein Superdupersonderwerkzeug teuer beim Autor zu erstehen, kein Videoworkshop, nicht einmal ein Talent!

Nur vergleichendes Sehen. UNd weil das so langweilig ist, machts keiner und übt es kaum. Daher kommen all die schlecht geformten Objekte auf unsern Blättern oder sonstwo um uns...


Hier ist das "Geheimnis" der Form und des Designs.

Leonardo beginnt seinen Traktat über die Malerei und insbesondere seine Empfehlungen zum Erlernen der Malerei/Zeichnung mit dem Messen!
Seine Schüler sollten einen grossen Teil des ersten Lehrjahres mit nichts als nur dem Abschätzen und Messen von Grössen und Strecken verbringen. Langweilig, gewiss. Künstlerisch wenig originell, gewiss - aber von unschätzbarer Bedeutung, wenn man "realistisch" zeichnen und malen möchte.
Verunglückte Malerei/Zeichung oder besonders auffallende, originelle Gestaltung und gelungenes Design hat immer etwas mit dem Maß zu tun. Es gibt das Angemessene und das Masslose. Das alleine sollte zu Denken geben. Und zum Üben anspornen.


Unsere Übungen sollten Ihnen einige Werkzeuge vor Augen führen und deren Anwendung üben:

- Acrylglasplatte: Wenigstens A4, A3 ist perfekt für unsere Zwecke, nicht zu dick, aber auch nicht zu dünn, dass Sie sie in einer Hand halten können, ohne dass sie sich verbiegt. Eine Glasplatte ist auch ok, aber Vorsicht, Verletzungsgefahr.

Übung 1: Mit Hilfe eines abwischbaren Markers oder Fettstiftes zeichnen Sie durch die Platte schauend Ihre Umgebung, den Raum oder beliebige Gegenstände um Sie herum ab. Es geht nur um die Grössenerfahrung, also zeichnen Sie nicht zu genau, nur Höhe, Breite, Tiefe - und staunen Sie, wie die Verkleinerung der Gegenstände erscheint....

Übung 2: Die Acrylplatte liegt auf einem Blatt Papier und auf ihren Knien oder dem Tisch. Schätzen Sie Höhe und Breite einfacher Gegenstände um Sie herum ab. Beginnen Sie mit simplen Dingen wie Kartons, Tischen, Stühlen. Dann halten Sie die auf die Acrylplatte gezeichneten Markierungen gegen die realen Objekte und stellen Sie fest, wie gut Ihre Schätzung von Höhe oder Breite ist.


- Sucher/Finder: Mit Hilfe eines Papprahmens, den Sie entweder selbst aus einem festen, grauen oder schwarzen  Karton schneiden oder als sog. Passepartout kaufen und zweckentfremden können, sollten Sie sich angewöhnen, die Dinge, die Sie zeichnen möchten, visuell aus Ihrem Zusammenhang zu lösen. Halten Sie den Karton so zwischen sich und das Zeichenobjekt, bis Sie die für Sie stimmige Komposition in dem Rahmen sehen. Ein ggf. zusätzlich befestigtes Fadenkreuz hilft Ihnen, die Mitte zu bestimmen.

Übung: Legen Sie sich Zeichenobjekte auf einem Tisch oder sonstiger Unterlage zurecht und schauen Sie, welche Möglichkeiten der Wahl, der Platzierung, der Gewichtung eine einzige Vorlage bietet. Zeichnen Sie Skizzen der Kompositionen, die Sie durch den Sucher/Finder sehen.

- Bleistift / Holzstab / Pinselstiel / Stricknadel /Schaschlikspiess (je dünner, desto besser):
Simples Messwerkzeug, das Sie trotzdem nicht unterschätzen sollten. Mitunter das Einzigste, das Sie immer zur Hand haben sollten beim Zeichnen.


Den richtigen Gebrauch muss man üben. Halten Sie Ihren Standort fest und den Arm immer gestreckt, dass Sie eine konstante Vergleichsgrösse haben. Schliessen Sie beim Messen immer ein Auge und messen Sie nur einäugig. Sie erhalten einfache Vergleichsgrössen von Höhe und Breite. Mehr ist da nicht daran, aber das ist oft schon die halbe Miete, ein erstes und immer verfeinerbares Grundverhältnis, das auf Ihrer Zeichnung stimmen sollte. Es genügt oft schon, diese wesentlichen Verhältnisse zu klären. Wenn Sie das gefundene Maß auf die Zeichenfläche übertragen, haben Sie dabei die Möglichkeit, einfache Vielfache (x2 / x3) auf dem Blatt zu markieren um Vergrösserungen zu Zeichnen.

Mit dem Stab können Sie zudem beobachten, welche markanten Punkte auf einer Horizontalen liegen. Für die Vertikale geht das auch, allerdings ist da ein Lot noch praktischer.

Wenn Sie den Stab auch noch zur Bestimmung von Winkeln oder Neigungen benutzen wollen, sollten Sie darauf achten, dass Ihre Zeichenfläche gerade und aufrecht neben dem Zeichengegenstand steht, um Verzerrungen zu vermeiden.

- Lot: Das Lot können Sie sich aus einem im Baumarkt zu kaufenden Senkblei oder einem anderen beliebigen schweren Gegenstand (Schraubenmutter etc) und einer Schnur selbst bauen. Es ist ein Hilfsmittel, genauer markante Punkte in der Vertikalen zu sehen und als auf einer Linie liegend zu erfahren, was schlimme Verzeichnungen weiter auseinanderliegender Körperpartien z.B. vermeiden hilft. In der Anwendung werden Sie das sofort begreifen.




- Schnur. Dieses Hilfsmittel habe ich Handwerkern abgeschaut. Man spricht von einem sog. "Schnurschlag", mit dessen Hilfe schnell und praktisch gerade Hilfslinien auf eine Wand oder sonstige Fläche aufgetragen werden. Eine gespannte Schnur, die zuvor durch einen mit trockenem, farbigem Pigment getränkten Lappen gezogen wurde, wird kurz angezogen und losgelassen, dabei wird eine Pigmentspur auf die Zeichenfläche geschlagen.
Mit diesem Trick sind schnell Hilfslinien für die Perspektivkonstruktion erstellt. Wir werden eine weniger staubige Version des Tricks in den kommenden Stunden anwenden lernen.

Übungen:

1) In der anschliessenden Übung ging es um das eigentlich sehr einfache Verfahren, mit Hilfe des Stabes/Schaschlikspiesses erste Messerfahrung zu sammeln und diese auf einfache Grundkörper bzw. Gruppen von Körpern anzuwenden.
Es ging hier nur um die Beobachtung der oberen und unteren, sowie linken und rechten Grenze des beobachteten Körpers. Da wir es aber immer mit dreidimensionalen Objekten zu tun haben, galt es, diese als Flächen zu sehen und zu messen. Ein Auge zukneifen hilft!

2) Zunächst ohne die Regeln der Perspektivkonstruktion zu kennen, sollten Sie sich an diesem Abend intensiver mit den Grundkörpern befassen und versuchen, diese aus allen möglichen Blickwinkeln zu zeichnen:


Kugel
Quader
Würfel
Zylinder
Tetraeder






Voraussetzung ist hierbei das, was Sie bisher erarbeitet haben. Einfache Messübungen und Schätzungen helfen Ihnen, Verkürzungen und Überschneidungen zu identifizieren. Daß dabei aber immer noch irgendwie  "unstimmige" Körper entstehen, ist gewollt, denn Sie sollten nachvollziehen, was dem Zeitalter vor der Renaissance fehlte, um "stimmige" Räume zu konstruieren.


Dass das allerdings dennoch irgendwie plausible Körperlichkeit nicht ausschliesst, sollte die nächste Erkenntnis sein. Die Malerei im Übergang zur Renaissance schuf trotz Unkenntnis und einiger Verwirrung um die "richtige" Raumkonstruktion plausible Werke, der Kubismus scherte sich dann später zu Beginn des 20.Jh ganz und gar nicht mehr um den zusammenhängenden Raum, zersplitterte ihn sogar ganz bewusst in simultane Ansichten, d.h. er zeigt die Objekte von oben und unten und vorne und hinten zugleich - wie auf Ihren Übungen.

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