Mittwoch, 23. November 2011

Einheit 2 - 2. Stunde: Was ist Gestisches Zeichnen? - 22.11.11

Sie haben in der ersten Stunde der Einheit 2 beim Zeichnen der Symmetriefiguren und des Kopfüber-Portraits evtl. schon erfahren, dass es einen anderen Zugang zur Zeichnung und Wahrnehmung gibt, der unabhängig davon ist, was wir vermeintlich über das Aussehen der Dinge wissen.
Ja mehr noch, Sie haben hoffentlich zumindest ansatzweise feststellen können, dass wir unbewusst gar nicht mehr genau hinschauen, sondern so starke Konzepte über das Aussehen der Dinge in uns haben, dass wir meinen, (fast) alles aus dem Kopf zeichnen können, wenigstens in groben Umrissen.

Aber genau dieses - symbolische - Vorwissen steht uns als Zeichner immerzu im Weg.

Wir zeichnen eine Art "abgekürzte" Realität, die nur auf das vermeintlich Wesentliche zielt und das vermeintlich Nebensächliche weglässt.
So kommt es zu Stande, dass wir z.B. beim Zeichnen eines menschlichen Kopfes gerne die für uns wesentlichen Informationen über Augen, Nase und Mund übergross und prominent zeichnen und "unwichtige" Partien wie die Stirn oder das Kinn vergessen oder zumindest unterproportional zeichnen. (Ich habe Sie in unserer allerersten Stunde einen Kopf zeichnen lassen. Vergleichen Sie bitte Ihr Ergebnis mit der oben ausgesprochenen Vermutung. Stimmts? Sind die Proportionen in Ihrer Zeichnung "realistisch" oder symbolisch?)

Diese Haltung kann man "Vorwegnahme" ("Antizipation") nennen, d.h. wir sind geneigt, alle unsere Wahrnehmung spontan mit unserer Vorstellung oder Seherwartung zu vergleichen und nehmen das Ergebnis des Sehens oder Sehexperiments gerne vorweg - weil wir das so gelernt haben und weil es uns im Alltag dabei hilft, die Dinge in - meist altbewährter - Ordnung zu halten. Und das ist im Alltag auch gut so, damit er erwartungsgemäß "funktioniert".

Für das Sehenlernen im Speziellen  aber und die Kunst im Allgemeinen ist das kein guter Ansatz. Für den Zeichner ist diese Einstellung aus Vorurteil und der Vorwegnahme das reine Gift, denn sie verhindert die wirkliche Begegnung mit den Dingen der Welt und die Aufregung der Entdeckung der Wirklichkeit. Und damit vor allem, die Dinge zu sehen, wie sie für einen selbst sind, um sie zeichnen zu können, wie man sie wirklich erlebt hat und subjektiv sieht. Geht der Zeichner nicht daran, diese Vorurteile zu überwinden, bleibt ihm zumeist nur übrig, nachzuahmen, was ein anderer vor ihm gesehen und erarbeitet hat. Und solches Zeichnen ist meines Erachtens als mehr oder weniger bewusste Nachahmung leider ohne Belang, bzw. allenfalls gut und wichtig, wenn man lernt - aber es ist wenig künstlerisch und noch weniger originell.

Der Kern der 2.Einheit kreist also darum, diese Vorwegnahmen und das symbolische Sehen
überhaupt erst einmal zu erkennen und mit Hilfe einiger "Tricks" zumindest zu schwächen.

Einen dieser Kniffe oder "Tricks" zur Überwindung der Vorwegnahme und des starken Kontrollbedürfnisses habe ich Ihnen in der 2. Stunde leibhaftig demonstriert, indem ich Sie gegen Ihren deutlichen Widerstand - aber nur vorübergehend, keine Angst ! - dazu überredete, einige der Menschenstudien zunächst völlig blind und später dann halb - oder wenigstens ein wenig blind zu zeichnen.
Dass diese Übung auf Widerstand und auf spürbares Unbehagen stösst, ist klar und erwartungsgemäß. Sie werden zu Beginn bei dieser Methode immer ein Unbehagen fühlen, da es völlig gegen alle Gewohnheiten geht - aber Sie werden merken, sofern Sie bereit sind, sich darauf einzulassen, dass nichts wirklich Schlimmes geschieht, dass Sie nicht völlig aus der Rolle fallen oder die Selbstbeherrschung oder Orientierung im All verlieren. Höchstens, dass Ihre Zeichnung eine ganze Weile nicht den geläufigen Schönheitserwartungen entspricht, ja vielleicht sogar "irgendwie schlecht" aussieht. Aber, erinnern Sie sich: Das war sogar Ziel der Übung. Erlauben Sie sich in der 2.Einheit ruhig, so schlecht wie möglich zu zeichnen. Denn: Es geht hierbei zumindest am Anfang nicht darum, ein tolles Werk zu schaffen, sondern vielleicht zum ersten Mal im Leben mit Bewusstsein und Konzentration etwas anzuschauen und dessen Form und Struktur im Raum zu erfassen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, was an einem Anblick wichtig, charakteristisch und wesentlich ist.


Und sollte es Ihnen dann doch nach der ersten Erfahrung trotz allem nicht wichtig oder sogar nicht ganz geheuer sein, so betrachten Sie bitte die nächsten 2-3 Abende mit einiger Neugier unter dem Aspekt des abenteuerlichen Experimentierens völlig Abgedrehter, m.a.W. das geht auch vorbei...

Das Ziel dieser Stunden der 2. Einheit ist es also, das Sehen zu sehen und erleben sowie allmählich einen Kontakt und ein Zusammenspiel von Auge, Gehirn und Zeichenhand herzustellen.
Dass dies nicht auf Anhieb perfekt gelingt, liegt ja auf der Hand. Sie müssen dies also wie immer regelmäßig üben.

Blindzeichnen: 
(grosses Zeichenblatt, etwa 5 Posen pro Blatt neben- und übereinander, breite Seite eines Stückes Signierkreide oder Grafit, später auch zusätzlich Spitze)

Das  Blindzeichnen ist hierbei das zunächst einmal beängstigendste Experiment. Sie haben in Einheit 1 kennengelernt, dass wir ohne jedes Vor- oder Innenbild dennoch in der Lage sind, mit Hilfe eines Stiftes differenzierte und ausdrucksvolle Zeichnungen quasi "aus dem Bauch" zu schaffen, die von Stimmung, Gefühl, Laune, Motivation etc. Bericht geben.
Diese Linien aber "wissen" im Kern noch nichts von den Erscheinungen der Welt, sie protokollieren eher persönliche Zustände und drücken diese mehr oder weniger glaubhaft und echt aus.
In der Einheit 2 nun aber machen Sie sich auf den Weg, diese unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten mit echten Seherfahrungen aufzuladen. 

1) Total blind zeichnen:
Die erste Übung des totalen Blindzeichnens hat zum Ziel, dass Sie Ihrer Vorstellungskraft "Futter" geben, indem Sie die Haltung eines Menschen oder sonstigen Gegenstands in der Umgebung für wenige Sekunden (ca. 10 Sekunden) fixierend anschauen und dann mit geschlossenen Augen versuchen zu memorieren, was sich Ihnen als Wesentlichstes eingeprägt hat. Die Geste dieses Eindrucks sollten Sie mit wenigen groben, eher flächigen Markierungen festhalten. (Max. 50 Sek.) 
Notfalls können Sie auch weiterhin mit der Stiftspitze Konturen zeichnen, aber ich erinnere Sie daran, dass Sie damit eher wieder in die Falle der symbolischen Denkweise geraten, indem Sie symbolische Zeichen für Kopf oder Hand und Fuß statt Beobachtungen einsetzen, die nicht dem gerade Gesehenen entsprechen.
Die Zeichnung sollten Sie hierbei nicht als eine realistische Sachzeichnung begreifen, sondern als ein Seismogramm des Seheindrucks.
Diese Übung, die jederzeit an jedem Ort auch nur für Minuten gemacht werden kann, wird im Laufe der Zeit immer klarer dahin führen, dass Sie sehr schnell erfassen lernen, was Sie sehen und was das Wesentliche daran ist. Nichts wirklich Schlimmes also, das diese Form des Kontrollverlusts beschert.




2) Halbblind zeichnen:
Im 2. Experiment ging es darum, eine Folge von Posen jeweils für eine Minute mit den Blicken zu fixieren, d.h. die Augen dauernd auf das Modell zu heften und zu versuchen, der Hand mitzuteilen, was Sie gerade anschauen und wie dies beschaffen ist. Dabei wird in diesem Fall  die Zeichenfläche mit einem Tuch verhüllt, sodass Sie der dauernden Versuchung zur Kontrolle nicht erliegen können. Klar, dass das erst einmal monströse Gestalten bringt. Das soll so. Im besten Fall erleben Sie, welche insgeheimen Proportionsvorstellungen ihr Blick herstellt: Was wichtig ist, wird immer grösser, was man nicht wahrnimmt, existiert nicht in der Zeichnung... 
Aber ich verspreche Ihnen, dass Sie im Laufe des Übens eine immer deutlichere Vorstellung davon entwickeln, was Sie sehen und wo und wie dies der Stift auf dem Blatt festhält.
Leider halt wie immer nur durch Übung...




3) Ein wenig blind zeichnen:
Bei den beiden letzten Posenfolgen habe ich Ihnen freigestellt, mit welcher Methode Sie darangehen, aber ich bat Sie, das Verhältnis von Modellbetrachtung zu Zeichenblattkontrolle allmählich zugunsten des Modells zu verschieben. Ihr Ziel sollte es sein, im Laufe der Zeit immer selbstverständlicher mehr das Modell zu betrachten, als ihr Zeichenblatt. 
Der Blick auf das Zeichenblatt gilt idealerweise eines Tages eigentlich nur dem Zusammenhang und dem Finden der Anschlusspunkte.


Zusammenfassung der ersten Erfahrung des Gestischen Zeichnens:

- Beim gestischen Zeichnen geht es darum, sich in den Zustand des aufmerksamen Beobachtens einzuüben.
- Es geht darum, die Bewegungsrichtung, Spannung oder Entspannung des Gegenstands im Raum zu sehen
- Es gilt also nicht, das WIE eines Gegenstands oder Menschen zu beschreiben, sondern darum zu beschreiben, WAS der Gegenstand oder Mensch tut
Also: Welche Richtung hat das Objekt, welche Tendenz,  welche Kraft, welche Handlung und Bewegung treibt diese Form da vor meinem Auge?
- Das Ergebnis dieser Übung existiert mehr in Ihrem Innern, indem Sie damit sozusagen das Grundvokabular der Formen lernen (d.h. wie es aussieht, wenn etwas sitzt, steht, liegt, sinkt, fällt, steigt, geht usw.) und den Formenschatz in Ihrer Erinnerung erweitern.

Die konkreten Zeichnungen sind hierbei lediglich ein Protokoll einer echten Begegnung
Diese können natürlich zunehmend kunsthaltig werden - müssen aber nicht...zumindest vorerst nicht.

 (Diese Abbildungen stammen aus einem leider nur in englisch erhältlichen Lehrbuch, das ich jedem, der einigermaßen englisch lesen kann, empfehlen möchte:
Kimon Nicolaides
The Natural Way to Draw: A Work Plan for Art Study, 
xte Neuauflage, ursprünglich New York, 1930er Jahre
Aber Vorsicht: Extrem arbeitsaufwändige Methode!
bei amazon hier )




"Blindes" Konturzeichnen
(Zeichenblatt relativ gross, um etliche Ansätze neben- und übereinander zu setzen;
2B Bleistift, gespitzt)


Am Ende dieser Stunde haben Sie für ein paar Minuten dann das Gegenteil des gestischen Zeichnens geübt, indem Sie so konzentriert wie noch möglich mit Ihren Augen langsam entlang der Aussenkontur Ihrer linken Hand reisten und den "Reisebericht" Ihrer zeichnenden Hand mitteilten, ohne dabei auf das Zeichenblatt zu schauen. Am Besten wenden Sie sich dabei sogar ab vom Zeichenblatt, um nicht in Versuchung zu geraten, das Ergebnis zu kontrollieren.


Auch hier geht es nur in zweiter Linie um das Zeichenergebnis auf dem Blatt, sondern um die Schärfung Ihrer Wahrnehmungsfähigkeit (sehen Sie wirklich  jede Falte, jedes Härchen, jede Beule, Delle, Biegung, Flecken ?) - und was es alles zu sehen gibt entlang der Kontur dieses Ihnen doch eigentlich so vertrauten Gegenstands!


Stellen Sie sich vor, dass Ihr Auge mit sehr geringer Geschwindigkeit voranschreitet und der Bleistift jeder Bewegung folgen muss wie eine Seismografische Nadel.


Eilen Sie nicht, gönnen Sie sich Zeit zur Beobachtung, zwingen Sie bitte keine anatomische Zeichnung herbei!
Ich hatte Ihnen an diesem Abend ja kurz anhand einer Proportionsskizze eines Kopfes gezeigt, wie komplex anatomische Zusammenhänge sind und wieviel man wissen und studieren muss, um auf diesem Weg zu einer anatomisch plausiblen Zeichnung zu kommen.
Die Bedingungen für diese Art des Zeichnens werden wir an anderer Stelle kennenlernen.
Heute geht es darum, dass Sie das visuelle Vokabular für die Einzelheiten erarbeiten.


Wenn Sie sich von der traditionellen Darstellung einer vollständigen Hand und dem perfekten Zusammenhang lösen können, erhalten die entstehenden Figuren ihren eigenen geradezu poetischen Reiz:



Es geht hier NICHT um die formale Stimmigkeit, sondern um das Abenteuer der lebendigen Linien, die sich, je echter die Begegnung ist, dem gesehenen Phänomen nähern.
Das bedeutet, die Dinge sehen zu lernen, wie sie sind.


Ein Wort noch zu einigen unglücklichen Formulierungen am Abend im Zusammenhang mit der "Kraft der Worte":
Gemeint war, dass Sie sich den Spass nicht nehmen sollten, indem Sie Ihre eigenen Arbeiten vorschnell abwerten, wenn Sie nicht gleich Ihren Erwartungen entsprechen. Das Problem sind oft die an Vorbildern orientierten Erwartungen, nicht die Qualität Ihrer Arbeit. 
Wenn meine Anmerkungen jemanden angegriffen oder gar verletzt haben sollten, so bitte ich dies zu entschuldigen und meiner unkonzentrierten Formulierunfähigkeit am Abend anzukreiden. Es ist nicht meine Absicht und es steht mir auch nicht zu, Sie in Ihrem Verhalten zu kritisieren. Ich möchte nur, dass Sie sich nicht vorschnell entmutigen!


Montag, 21. November 2011

Einheit 2 - 1. Stunde: Mit der Rechten Hirnhälfte zeichnen - 15.11.11

Zu Beginn der Stunde habe ich Ihnen kurz skizziert, wie Sie üben sollten:


- Zeit: 
Regelmässig, aber nie zu lange. Lieber eine qualitätsvolle halbe Stunde, als 2 Stunden Selbstquälerei. Versuchen Sie sich aber, ritualisierte, also wiederkehrende Übungszeiten zu schaffen, damit Ihr Körper quasi automatisch schon danach verlangt...der Rest kommt dann nach.
Zeichnen lernt man wie Autofahren, die gefahrenen Kilometer machen den Unterschied.


Leider habe ich noch kein Osmoseverfahren zum Zeichnenlernen entwickeln können, dass Ihnen hier eine Abkürzung verschaffte.


- Raum:
Schaffen Sie sich einen Ort, der Ihnen, aber auch anderen zeigt, dass Ihnen Zeichnen wichtig ist. Wenn es nicht anders möglich ist, tut es natürlich eine wegräumbare Tischstaffelei und eine Box für Werkzeuge - aber letztlich brauchen Sie die Erinnerung, die von einem Ort ausgeht. Ihre Gedanken fangen dann von selbst an, um die Zeichenprobleme zu kreisen, wenn Sie sie an einer festen Stelle der Wohnung dauernd vor Augen haben.
Ausreichend Licht von links für Rechtshänder, genug Raum zum Zurücktreten, wenigstens eine schiefgestellte Zeichenplatte auf der Tischkante, besser noch aber eine Staffelei oder gar ein richtiger Zeichentisch, eines Tages.


- Was üben?
Jetzt schon haben Sie mit den Warmups der vergangenen Stunden ein Programm für viele Monate - und jede Woche kommen weitere hinzu.
Sie müssen sich das Üben auch eines Meisters des Zeichnens vorstellen wie bei einem Musiker oder Sportler. Es gibt eine Menge an ständiger Schulung der Geläufigkeit, quasi Tonleitern, Streck- und Dehnübungen, Kraft- Und Loslassübungen, die auch nach Jahrzehnten noch relevant sind.


Ich schlage Ihnen für den Anfang folgende 3 Teile vor:


- Ein Viertel der Gesamtübezeit Warmups ins Sudelheft, d.h. so anspruchslos und niederschwellig wie möglich. Zeichnen Sie Ihren täglichen Misthaufen (die Kürbisse wachsen von selbst da raus...)


- Ein weiteres Viertel Seh-Übungen (analog zu unseren Menschenzeichnungen). So schlecht und simpel am Anfang wie möglich! Das meine ich total Ernst.
 Am Anfang stressen Sie sich bitte nicht mit dem scheiternden Versuch zur Abbildgenauigkeit, es geht hier erst einmal überhaupt darum, zu schauen, sich Zeit zu nehmen, einfache alltägliche Dinge anzuschauen und deren "Geste", d.h. ihren Ausdruck, Richtung, Kraft etc. zu erfassen, also nicht, wie etwas genau ausschaut (da verlieren Sie sofort gegen jeden billigen Fotoapparat), sondern, was die Dinge tun, WIE sie sind. Und besonders spannend wird das bei Tier und Mensch!
Diese Arbeit eignet sich sehr gut für das Skizzenbuch!


- Die verbleibende Hälfte sollten Sie schon gleich von Beginn an dafür verwenden, das Gelernte in konzentriert und bewusst als Werke konzipierte, fertige und signierte  Arbeiten zu investieren. Alle Warmups des Teil 1 sind auch als Reihen und vollendet komponierbare Arbeiten denkbar. Gewöhnen Sie sich rechtzeitig daran, ihre Studien, Übungen und Skizzen zu verwerten!
Am Ende dann ein Passepartout darum und in einer Mappe sammeln.
So lernt man auch, sich ernst zu nehmen im Wunsch, das Zeichnen zu lernen.




Einheit 1 und Einheit 2 im Zusammenhang:








Thema der Einheit 2, Überblick:
Der seltsame Titel dieser Einheit wird sich Ihnen nach und nach erklären.


Paradoxerweise hat die Autorin, auf die ich mich in dieser Einheit vornehmlich stütze, in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ein sehr umfangreiches theoretisches Buch geschrieben, um eine Zeichenmethode zu erklären, deren Anwendung durch Beschreibung eher erschwert wird, weil die Beschreibung  genau die Instanz des Gehirns anspricht, die dieser speziellen Art der Wahrnehmung entgegensteht.
Es ist nicht das erste und nicht das letzte Paradoxon, das ich Ihnen zumuten werde. Die Kunst ist an sich schon ein Paradoxon, überhaupt und sowieso...

Es wäre also nun widersinnig, wenn ich Ihnen wie sonst erst eine Erklärung und Theorie voranschickte, um dann von Ihnen zu verlangen, dass Sie die Erklärung besser gleich wieder vergessen, um aus einer anderen Region des Gehirns und der Wahrnehmung arbeiten zu können.

Ich verlasse mich also vorerst darauf, dass Sie spüren und erfahren werden, was sich dahinter verbirgt. D.h. wir werden die ersten beiden Stunden (15. und 21.11.) mit praktischen Übungen beginnen, die Sie hoffentlich stutzig werden lassen. Die Theorie dazu folgt dann in der 3. Stunde am 28.11.

Mit den Warmups bzw Lockerungsübungen zur Einheit 2 werde ich Sie überfordernd und provozierend vielleicht in das für den Anfänger einschüchternde Thema des Menschenzeichnens einführen. Aber keine Angst, wir entwickeln dies in kleinen Schritten gemeinsam so, dass Sie auf jeden Fall zumindest interessante Erfahrungen machen werden.

Das Wichtigste zu Beginn:
Hier geht es darum, erste Bekanntschaft damit zu machen, dass Sie sich Ihren Augen, Ihrer Wahrnehmung überlassen lernen und Ihr Zeicheninstrument Ihren Beobachtungen zu folgen hat. Sie zeichnen möglichst "blind", d.h. Sie sollten sich nach und nach dazu bringen, immer weniger auf das Zeichenblatt zu sehen, sondern ganz beim Modell, dem Anblick zu verweilen und Ihre Zeichenspur eher wie eine Art "Seismogramm" geschehen zu lassen.
Fragen Sie einmal ein Modell, woran es erkennt, wer ein guter Zeichner ist. In fast allen Fällen bekommen Sie zu hören, dass der gute Zeichner mit den Augen geradezu am Modell klebt und nur selten auf sein Blatt schaut, höchstens, um Anschlusspunkte wiederzufinden, während der unsichere Zeichner kaum auf das Modell schaut und alles auf dem Blatt irgendwie in den Griff kriegen will.
Glauben Sie mir, es ist paradoxerweise wirklich so, dass Ihr Auge, wenn es Anschluss an Ihre Zeichenhand gefunden hat, besser und genauer weiss, wie es gehört, als Sie. Lassen Sie sich für ein paar Wochen auf diese eventuell beunruhigende Erfahrung ein, zu Ihrer gewohnten Methode können Sie danach immer wieder zurück.

Ich weiss, das ist auf Anhieb nicht einfach. Man wehrt sich gegen den drohenden Kontrollverlust.
Das Ziel, die Belohnung dieser erst einmal ungemütlichen Erfahrung ist eine mehr oder weniger geglückte "SYNCHRONISATION" von Auge und Hand.
Je mehr Sie sich auf das sog. Blindzeichnen einlassen, desto deutlicher wird diese Verknüpfung hergestellt.

Warmups der Einheit 2

Gestische 1-Minuten-Posen:

In dieser ersten Annäherung geht es darum, ein Modell, das jeweils für eine Minute stillsteht und "posiert", auf einfachste Weise relativ schnell zu zeichnen.
Auf dieser ersten Stufe spielt es gar keine Rolle, wie Sie das machen. Es kann so schlecht wie möglich geschehen. Ich möchte geradezu, dass Sie zuerst so schlecht wie möglich zeichnen.

Es geht also erst einmal nur darum, dass Sie

- überhaupt hinschauen lernen,
- dass Sie erleben, was 1 konzentrierte Minute bedeutet und ein Gefühl für die Zeichenzeit entwickeln,
- dass Sie einfache Unterschiede sehen lernen: Ist das Modell aufrecht, gebeugt, sitzend, liegend, gespannt, schlaff usw.

Klingt nicht nur banal, ist es auch. Aber entscheidend wird nun, dass Sie den Kern dieser Beobachtungen an Ihre Zeichenhand mitzuteilen lernen. Auf dieser ersten Stufe geht es nicht um schöne Zeichnungen von den Modellen (ob Menschen oder den Dingen um Sie herum), sondern egal wie angespannt und nervös Sie das auch machen wird, es geht darum, ein irgendwie geartetes Bündel oder Knäuel von Linien Ihrer Beobachtung entsprechend auf das Blatt zu bringen - unwichtig, ob man eine menschliche Gestalt darin erkennt oder nicht - das kommt noch! Das verspreche ich Ihnen.

Der eigentliche Lerninhalt, der unter der Hand damit entwickelt wird, ist eine Art von Mitgefühl/Empathie, die sich mit der Beobachtung entwickelt. Eine Zeichnung hat nur dann Belang, Wirklichkeit und Qualität, wenn Sie durch die Realität Ihrer Wahrnehmung gegangen ist. Sie können eine sitzende Figur nur dann erkenn- und nachfühlbar zeichnen, wenn Ihr Strich glaubhaft versichert, dass Ihnen das abgebildete Phänomen "Sitzen" bekannt ist.
("Ideomotorisches Zeichnen" möchte ich das nennen, solange ich keinen besseren Begriff kenne. Das bedeutet, dass sich quasi automatisch ein durch die Beobachtung ausgelöstes Gefühl für das Gegenüber oder den Gegenstand auf die zeichnende Hand überträgt und die Linie mitgestaltet)

Wir werden in dieser zweiten Einheit die Warmups oder Lockerungsübungen mit ca. 15-20 1-Minuten-Posen beginnen. Ich werde allerdings jedesmal eine neue Herangehensweise vorschlagen.

Am 15.11. wurden diese Posen im "Freistilzeichnen" angefertigt, d.h. aus dem Bauch heraus wie es gerade kommt...

Übungen zur Einheit 2:

1.) Profile/Pokal-Bild
Zeichnen Sie als Linkshänder auf die rechte Seite eines A4-Querformats ein menschliches Kopfprofil, das nach links schaut. Als Rechtshänder beginnen Sie auf der linken Seite, das Kopfprofil schaut nach rechts..
Benennen Sie beim Zeichnen die Teile, die Sie zeichnen: Das ist die Stirn, das ist die Nase, der Mund, das Kinn usw.
Zeichnen Sie dann die symmetrische Entsprechung auf der anderen Seite des Blattes, sodass sich beide Profile zu einer "Pokal- oder Vasenfigur" ergänzen.

Registrieren Sie, dass Ihnen bei der Anfertigung des zweiten - antwortenden - Profils völlig egal ist, WAS genau Sie da zeichnen, sondern wie sehr es viel wichtiger wird, WIE Sie es zeichnen und dass es eine ungefähre Entsprechung zum ersten Profil wird.
Sie urteilen dabei unversehens nicht mehr sachlich und logisch, sondern ästhetisch - und genau darum geh es in dieser Einheit! Das ist, so banal es zunächst auch aussehen mag, eine ganz andere Welt und eine ganz andere Herangehensweise an die Erscheinungen der Welt. Hier entspringt der Zeichner in Ihnen.

2. Offene komplexe Symmetrie
Die oben beschriebene Beobachtung können Sie anhand beliebiger Symmetriefiguren immer wieder erfahren und üben. Zeichnen Sie als Linkshänder auf die rechte Seite eine komplexe, irgendwie geformte Linie von oben nach unten und wiederholen Sie die entsprechende symmetrische Figur auf der gegenüberliegenden Seite. 
Es sollte ein mehr oder weniger gelungener "Rotationskörper" entstehen.
Wenn Sie den entstandenen Zwischenraum übrigens ausfüllen mit Schraffur oder "Ausmalen", können Sie sehr schnell sehen, wie Ihnen die Symmetrie gelungen ist. Das braucht Übung. Jogging für die Rechte Hirnhälfte sozusagen.


3. Strawinsky auf dem Kopf
Anhand einer auf den Kopf gestellten Figurzeichnung Picassos des Komponisten Strawinsky erfahren Sie, dass Sie mit dieser Methode erstaunlicherweise sehr komplexe Kopien zu zeichnen in der Lage sind, die Sie sich unter normalen Umständen nie zugetraut hätten.
Der "Trick" besteht darin, dass Sie durch das Auf-den-Kopf-Stellen die vernünftige Zuordnung verstören und der Zwang zur Benennung und Identifikation der Bildteile gezielt erschwert wird, sodass er sogar ganz nachlässt.. Irgendwann gibt Ihr interner "Besserwisser" auf und lässt die ästhetische Seite des Gehirns ihre Arbeit tun...und dann erst wird es was.
Die Theorie dazu folgt noch...


Buch des Abends, als Nachklapp zur Mikrobenwelt:

Wem die Phantasie ausgeht und wer sich aus dem Schatz der Schrift- und Bilderzeichen der Weltgeschichte bedienen möchte, ist hier gut versorgt:

Carl Faulmann, Schriftzeichen und Alphabete aller Völker, 9,90€
(z.B. bei amazon hier )

Sonntag, 13. November 2011

Einheit 1 - Textur, 4.Std. Di 8.11.2011

Nachdem wir in der vergangenen Stunde mit grosszügigem und entspanntem Blick auf das "Grosse Ganze" zu achten lernten, steht diesmal das Gegenteil an (Sie sehen schon, ich mag es, in Gegensätzen/Polaritäten zu denken):
Der geduldige, scharfe Blick auf das allerkleinste Detail.

Im Kern geht es um die zeichnerische Feinstruktur, d.h. statt wie bisher locker zu kritzeln, sollen sie heute geduldig ins allerkleinste Detail der Zeichnung gehen.
Ihre Phantasie ist gefragt, wenn Sie so viele Kleinstelemente, Kürzel aus allen nur denkbaren visuellen Bereichen zusammenstellen:
- Schriftzeichen, zerlegt in ihre Kleinstbausteine
- Hieroglyphen, alte Schriftsysteme (Keilschrift etwa...)
- Pünktchen, Häkchen, Schnörkel aller Art und Grösse
- Zeichen, wie man sie auf Landkarten verwendet
- Ornamente
- Botanische, mathematische oder sonstige Kürzel

All das birgt Elemente, die Sie für Ihre Zeichnungen nutzen sollten. Es geht darum, geduldig eine Oberfläche, ein Gewebe und Gewimmel von Kleinstformen miteinander so zu verweben, dass diese eine lebendige Struktur wie aus einem feinen Stoff ergeben. Das Verlangt natürlich Durchhaltevermögen.
Halten Sie sich die gezeigten Ausschnitte aus Gustave Dorés Stichen vor Augen, die unglaublich akribisch bis ins feinste Detail durchgearbeitet sind. Es darf durchaus geschehen, dass Sie dabei meditativ und wie in Trance arbeiten.

Beobachten Sie ab jetzt und für immer (;-)) Muster aller Art, sammeln Sie Ornamente. Beobachten Sie, wie Zeichner auf detaillierten Radierungen die Oberflächen der Dinge mit Hilfe unzähliger addierter Kleinstformen wiedergeben, um so die Erscheinung von bestimmten Materialien nachzuahmen.

Es geht diesmal auch um den langen Atem, die Geduld, eine grosse Fläche langsam zu Ende zu zeichnen. Es geht auch um pfiffige Strategien, nur den Anschein davon zu erwecken, indem man an den entsprechenden Stellen weglässt und es der Phantasie des Betrachters überlässt, das angefangene Muster im Geist zu ergänzen.
Die Ihnen ausgeteilte Kopie aus dem Daucher zeigt diese Strategie deutlich, hier ist weniger gezeichnet, als man zunächst annimmt!


Warmups bzw. Lockerungsübungen:

1. Kreisförmig gebogene Linien, 
die möglichst nahezu ungefähr einen Kreis bilden. Das ganze Blatt 60x40 cm füllen. Kreise auch in- und übereinander zeichnen. Evtl. sich zu Figuren inspirieren lassen. Schauen Sie, was Ihr Auge daraus macht. Eiformen sind OK. Ovale auch (Es gibt einen Unterschied!).
Probieren Sie es aus, den Startpunkt der Kreislinie an verschiedenen Punkten zu setzen.
Ich habe Ihnen vorgeschlagen, das Zifferblatt einer Uhr als Startpositionsmarken zu denken: Sind Sie der 10 Uhr oder der 6 Uhr Typ? Rechts- oder Linksdrehender? Finden Sie es heraus! Was geschieht mit dem Kreis, wenn Sie ihn in einer Ihrer Gewohnheit entgegengesetzten Richtung und von ungewohntem Startpunkt aus zeichnen? Etwa bei 4 Uhr beginnend gegen den Uhrzeigersinn?

2. Unregelmässige Linien
Ähnlich wie bei einer unserer ersten Übungen "Wilde Gewächse" bitte ich Sie, das Blatt zu füllen mit allen Arten von unregelmässigen Linien, die sich von unten nach oben und umgekehrt vertikal und horizontal zu den  Seiten entwickeln, sodass sich ein "Mürbes Gewebe" ergibt.
Sie wenden selbstverständlich das Gelernte über Druckunterschiede an...
Drehen Sie beim Zeichnen gelegentlich Ihren Stift schon während Sie die Linie produzieren, es ergeben sich so besonders mit groben Zeichenwerkzeugen eine ganze Reihe "zufälliger", unregelmässiger Linien, die von sich aus schon sehr an natürliche Linien erinnern.

3. Komposition aus Buchstaben
Das ist eine Vorübung für das Zeichnen von Texturen. (Sehen Sie die Verbindung von "Text" und "Textur"? Es geht um Gewebe...)
Nehmen Sie Ihren Namen oder sonst ein geläufiges Wort, schreiben Sie die einzelnen Buchstaben in alle Richtungen, in verschiedener Grösse, mal verkehrt herum, mal nur Fragmente eines Buchstabens, verbinden Sie die entstehenden Flächen zu Figuren, zerlegen Sie die Buchstaben in ihre Bestandteile: Pünktchen, Haken, Kreuzung, Bogen und spielen Sie den ganzen Vorrat an Figuren in allen Grössen und Richtungen durch!

Dies gilt immer: SPIELEN SIE, setzen Sie sich nicht unter Druck! Zeichnen gehört in den Bereich der MUSE, nicht MUSSE!


Übung des Abends:

Ich habe Ihnen 2 mögliche Themen gegeben, die Sie formatfüllend auf einem grossen Zeichenblatt anfangen sollten (da es sehr kleinteilig zugehen sollte, wird Ihnen nichts anderes übrig bleiben, als die Zeichnung geduldig und mitunter auch nur minutenweise zu Hause fertigzustellen - aber bitte stellen Sie sie fertig, Ihnen selbst zuliebe...):

- 1000 Märchenhafte Blüten von oben gesehen
(Das Thema erklärt sich von selbst, oder?)

- Schlacht der Mikroben
Ihr Zeichenblatt ist der Kampfplatz der guten und bösen Kleinstformen, es entspinnen sich in wechselnder Verdichtung Auseinandersetzungen unzähliger Formen, es gibt Hindernisse und leere Flächen, um die der Kampf entbrennt...




Buch des Abends:


Dieter Brembs, Faszination Linie - Zeichnung neu erleben, Wiesbaden 2006, 34,80 €
hier bei Amazon (gibt es aber auch in allen anderen Buchläden...)
(leider teuer, da Nischenprodukt, die Bücher des Englisch-Verlages in Wiesbaden sind aber dafür wenigstens sehr gut gestaltet)
Wen es nun ganz genau interessiert und seiner Linie auf die Spur kommen möchte, ist bei Prof. Brembs (Uni Mainz) gut aufgehoben. Hier geht es etwas analytischer zu und ziemlich in die Details, akademisch geradezu, aber absolut spannend und gar nicht trocken. Viele gute und klare Abbildungen.


Künstler des Abends:

Horst Janssen
Dubuffet
Paul Klee
Gustave Doré

Dienstag, 8. November 2011

Einheit 1 - Rhythmus, 3.Stunde am Di 25.10.11

Diese Einheit gehört zu den Wichtigsten des ganzen Kurses:
Es gilt zu lernen, auf das grosse Ganze zu achten.

Wir werden in einer späteren Einheit etwas genauer untersuchen, welche Gesetze die Verteilung von Hell und Dunkel oder anderer Bildelemente bestimmen.
Jetzt aber geht es erst einmal auf einfachste Weise darum, ein Gefühl für die Aufteilung einer Zeichenfläche zu entwickeln.

Nach wie vor bitte ich Sie, um ihre Zeichnung immer zuerst einen Rahmen zu zeichnen. Es mag Ihnen stur erscheinen, aber meine Absicht ist es, Ihnen damit bewusst zu machen, dass Sie mit jeder Aktion ein empfindliches Gleichgewicht von Strichen, Linien, Punkten und Flächen erstellen. Diese sind immer auf die 4 Seiten der Zeichenfläche bezogen. Nicht umsonst heisst es, dass mit der Wahl eines bestimmten Formats schon die ersten 4 Linien eines Bildes gezogen sind.

Sie sollten bemerken, dass das FORMAT die erste wichtige Entscheidung bei der Gestaltung einer Zeichnung ist und ein erstes, wichtiges Element des Rhythmus' .

"Rhythmus" heisst diese Einheit, weil Sie mit jeder gezogenen Linie und mit jeder gekritzelten oder schraffierten Fläche eine Abwechslung oder einen Unterschied schaffen, was sich als Abfolge von Leere und Aktion darstellt, so wie ein Händeklatschen oder Fußstampfen eine zeitliche Abfolge markiert und strukturiert. In der Musik ergibt dies den "Puls" eines Stückes. Was es analog auch für die Zeichnung gibt.

In dieser ersten Annäherung an das Phänomen der Aufteilung und des visuellen Rhythmus genügen simple gekritzelte Verdichtungen und Auflockerungen, wie sie Ihnen in der Fotokopie der Seiten 24-25 aus Hans Daucher: Die Grosse Zeichenschule schon begegnet sind.
Wenn Sie sich nicht sicher sind, welche Aufteilung Sie bevorzugen oder für geeignet finden, kritzeln Sie zur Vorbereitung einfach einmal bewusst einige der vorgestellten Lösungen nach, Sie werden rasch merken, was Sie gut finden.

Rhythmus bedeutet in diesem ersten Schritt nur so etwas wie ein "AKZENTMUSTER" - mehr nicht.
Suchen Sie jetzt nicht nach einer perfekten Lösung, nach einem ehernen Gesetz oder Rezept, sondern folgen Sie dem, was sie für richtig und angenehm halten, sozusagen "aus dem Bauch heraus". Sie werden erleben, dass wir unbewusst bzw. kulturell vorgeprägt bestimmten Vorlieben folgen, die sich später auch beinahe mathematisch begründen lassen. Das muss Sie jetzt allerdings nicht wirklich belasten.

Wenn es um "Blickregie" geht, d.h. darum, den Blick des Betrachters auf eine bestimmte, dramatische Stelle der Zeichnung zu lenken, die der ganzen Zeichenmühe den Sinn verleiht, nutzen alle grossen Zeichner seit jeher diese Elemente der Aufteilung und Rhythmisierung des Zeichenblattes, gleichgültig nun, ob Van Dyck eine dramatische Szene um einen kosmischen Kuss webt oder der völlig abstrakte Franz Kline, der es bei der Spannung an sich belässt mit Zeichen, die nie eindeutig zu bestimmen sind - aber sie können es dennoch fühlen, dass die Sache "sitzt", dass die Architektur aus Zeichen und Leere "stimmt".


Warmups oder Lockerungsübungen:


1. Gebogene Linien, wie ein Schlittschuhläufer so leicht wie möglich mit fettem Stift zeichnen. Wie immer auf grosses Blatt in Körperdimension, also mindestens 60x40 cm. Die gebogene Linie so leicht zeichnen, dass da und dort fast Nichts auf dem Blatt zu sehen ist. Schauen Sie, wie leicht Sie werden können. Eine Übung für die eher kräftig Zupackenden, die sich hiermit zu zügeln lernen.


2. Gerade Linien mit feinem Stift so stark wie möglich zeichnen. Schauen Sie einmal, wie dicht Sie mit einem 2B-Stift werden können. Diese Übung ist etwas für die eher zart Zeichnenden, die hier den Mut aufbringen müssen, heftig und stark sichtbar zu werden.



Beide Übungen nacheinander gezeichnet markieren Extrempole, die Sie einmal gespürt und gezeichnet haben sollten, um Ihren eigenen Druck und damit Ausdruck zu entwickeln. Dass das Zeichenwerkzeug und die Qualität des Papiers hierbei auch mitwirken, ist selbstverständlich. Probieren Sie einfach alles aus, was Ihnen in die Hände fällt. Auch ein Kugelschreiber und Druckerpapier ist kunstwürdig! Es ist wie mit Beton: Es kommt darauf an, was man daraus macht...


Übung zur Helligkeitsverteilung 1:




Anhand von Verkleinerungen von Radierungen Rembrandts, der ein Meister der Helligkeitsverteilung war, können Sie sich hiermit in die Denk- und Beobachtungsweise dieses Lernschrittes einüben.
Wählen Sie sich zunächst einmal eine Abbildung aus, die Ihnen zusagt und kritzeln Sie nur die Verteilung der Flecken nach, ohne auf die Details der Erzählung zu achten. Sie können auch gerne völlig abstrakt in hellen und dunklen Drei- und Vierecken oder Kreisen denken. Schauen Sie auch bewusst einmal, was genau Sie an den unsympatischen Lösungen stört - gerade da lernt man oft am Meisten.
Ein kleiner Trick: Schauen Sie durch die Wimpern des fast geschlossenen Auges. Mit diesem Abblendtrick gelingt es oft am Besten, das Hell-Dunkel-Muster zu identifizieren.
Sie dürfen gerne alle Vorlagen in jeder denkbaren Grösse nachzeichnen!



Das Werk Picassos ist für diese Übungen auch gut geeignet, da er auch ein besonders kreatives Aufteilungsgefühl besaß.



Übung zur Helligkeitsverteilung 2:

Wählen Sie sich aus den Reproduktionen von Zeichnungen aus verschiedenen Epochen (siehe unten im Anhang) eine Arbeit, die Ihnen entweder zusagt oder Sie besonders provoziert und versuchen Sie kritzelnd mit dem Zeichenrepertoire, das Sie sich in den letzten Wochen schon erarbeitet haben, den Kern der Zeichnung nachzuzeichnen.
- Achten Sie zuerst einmal auf das Gesamtformat und wo der betreffende Meister Akzente setzte.
- Achten Sie darauf, welches Verhältnis helle und dunkle Stellen haben,
- wo der Zeichner weggelassen oder durch viele Linien betont hat.
- Zeichnen Sie nicht die Figuren, Gesichter und Details nach, sondern achten Sie zunächst nur auf den groben Aufbau und die Art der eingesetzten Linien (wo gibt es lange Geraden, wo kurze, staccato gesetzte Linien, wo Schwünge, wo Gebogene ?).

Diese Übungen sind Ihr erster Kontakt mit der traditionellen Lernmethode der "KOPIE", die ich Ihnen unbedingt nahelege. Kopieren muss nicht immer bedeuten, exakt nachzuvollziehen, was ein alter oder neuer Meister vorlegt, sondern kann auch in einer individuellen INTERPRETATION bestehen, die sich die Vorlage mehr oder weniger frei erschliesst.
Ein Verfahren, das in der Musik üblich und legitim ist - weshalb nicht in der Zeichnung und Malerei?


Ich bitte Sie, die folgenden Vorlagen auf diese Weise zu INTERPRETIEREN, mit all den Zeichenelementen, die Ihnen bisher begegnet sind.



Weitere Anregung:
Schauen Sie in Kunstbüchern und - katalogen, in Kunstkalendern und Zeitschriften nach Bildvorlagen mit interessanten Formataufteilungen. Sammeln und Interpretieren Sie diese so viel und oft es geht. Auf diese Weise erarbeiten Sie sich ein ganzes Arsenal von Lösungen, die Sie auf andere Zeichenaufgaben übertragen können.


Buch des Abends:

- Thomas Lüchinger, Intuitiv Zeichnen - Sehen mit allen Sinnen, Bern 1995, 21 €
(s. Amazon)
Wer sich über den zuweilen esoterischen Klang und die ein wenig therapeutische Grundstimmung hinwegsetzen muss/kann, dem bringt das Buch eine ganze Menge, wenn man sich auf die Entstehung der Zeichnung aus dem Innern und der dem Gefühl näheren Wahrnehmung konzentrieren möchte. 72 praktische Übungen, an deren Ende man das gesamte expressive Repertoire kennengelernt hat.
Nebenbei: Das Buch hat bei Amazon.de einige schlechte Rezensionen und dadurch nur 3 Sterne, weil einige Kritiker offenbar nicht begriffen haben, worum es hier geht. Das Buch heisst NICHT: Garantiert zeichnen lernen... Lassen Sie sich nicht irritieren, in seinem Segment ist der Ansatz des Buches absolut richtig und produktiv, alles andere (Techniken, Raum, Proportionen, usw.) lernt man woanders. Hier geht es nur um den persönlichen Strich, die eigene Linie - und die findet man mit den Übungen garantiert. Und der Strich macht letztlich den eigenen Sound. Was wichtig ist.


Künstler des Abends:


Van Dyck
Tiepolo
Rembrandt
Franz Kline
Claude Lorrain


Anhang:
Vorlagen für die Hauptübung des Abends für alle diejenigen, die weiterarbeiten möchten:
(Bitte auf das jeweilige Bild klicken, es sollte sich eine vergrösserte und ausdruckbare Version des Bildes in einem neuen Browserfenster öffnen)