Sonntag, 13. November 2011

Einheit 1 - Textur, 4.Std. Di 8.11.2011

Nachdem wir in der vergangenen Stunde mit grosszügigem und entspanntem Blick auf das "Grosse Ganze" zu achten lernten, steht diesmal das Gegenteil an (Sie sehen schon, ich mag es, in Gegensätzen/Polaritäten zu denken):
Der geduldige, scharfe Blick auf das allerkleinste Detail.

Im Kern geht es um die zeichnerische Feinstruktur, d.h. statt wie bisher locker zu kritzeln, sollen sie heute geduldig ins allerkleinste Detail der Zeichnung gehen.
Ihre Phantasie ist gefragt, wenn Sie so viele Kleinstelemente, Kürzel aus allen nur denkbaren visuellen Bereichen zusammenstellen:
- Schriftzeichen, zerlegt in ihre Kleinstbausteine
- Hieroglyphen, alte Schriftsysteme (Keilschrift etwa...)
- Pünktchen, Häkchen, Schnörkel aller Art und Grösse
- Zeichen, wie man sie auf Landkarten verwendet
- Ornamente
- Botanische, mathematische oder sonstige Kürzel

All das birgt Elemente, die Sie für Ihre Zeichnungen nutzen sollten. Es geht darum, geduldig eine Oberfläche, ein Gewebe und Gewimmel von Kleinstformen miteinander so zu verweben, dass diese eine lebendige Struktur wie aus einem feinen Stoff ergeben. Das Verlangt natürlich Durchhaltevermögen.
Halten Sie sich die gezeigten Ausschnitte aus Gustave Dorés Stichen vor Augen, die unglaublich akribisch bis ins feinste Detail durchgearbeitet sind. Es darf durchaus geschehen, dass Sie dabei meditativ und wie in Trance arbeiten.

Beobachten Sie ab jetzt und für immer (;-)) Muster aller Art, sammeln Sie Ornamente. Beobachten Sie, wie Zeichner auf detaillierten Radierungen die Oberflächen der Dinge mit Hilfe unzähliger addierter Kleinstformen wiedergeben, um so die Erscheinung von bestimmten Materialien nachzuahmen.

Es geht diesmal auch um den langen Atem, die Geduld, eine grosse Fläche langsam zu Ende zu zeichnen. Es geht auch um pfiffige Strategien, nur den Anschein davon zu erwecken, indem man an den entsprechenden Stellen weglässt und es der Phantasie des Betrachters überlässt, das angefangene Muster im Geist zu ergänzen.
Die Ihnen ausgeteilte Kopie aus dem Daucher zeigt diese Strategie deutlich, hier ist weniger gezeichnet, als man zunächst annimmt!


Warmups bzw. Lockerungsübungen:

1. Kreisförmig gebogene Linien, 
die möglichst nahezu ungefähr einen Kreis bilden. Das ganze Blatt 60x40 cm füllen. Kreise auch in- und übereinander zeichnen. Evtl. sich zu Figuren inspirieren lassen. Schauen Sie, was Ihr Auge daraus macht. Eiformen sind OK. Ovale auch (Es gibt einen Unterschied!).
Probieren Sie es aus, den Startpunkt der Kreislinie an verschiedenen Punkten zu setzen.
Ich habe Ihnen vorgeschlagen, das Zifferblatt einer Uhr als Startpositionsmarken zu denken: Sind Sie der 10 Uhr oder der 6 Uhr Typ? Rechts- oder Linksdrehender? Finden Sie es heraus! Was geschieht mit dem Kreis, wenn Sie ihn in einer Ihrer Gewohnheit entgegengesetzten Richtung und von ungewohntem Startpunkt aus zeichnen? Etwa bei 4 Uhr beginnend gegen den Uhrzeigersinn?

2. Unregelmässige Linien
Ähnlich wie bei einer unserer ersten Übungen "Wilde Gewächse" bitte ich Sie, das Blatt zu füllen mit allen Arten von unregelmässigen Linien, die sich von unten nach oben und umgekehrt vertikal und horizontal zu den  Seiten entwickeln, sodass sich ein "Mürbes Gewebe" ergibt.
Sie wenden selbstverständlich das Gelernte über Druckunterschiede an...
Drehen Sie beim Zeichnen gelegentlich Ihren Stift schon während Sie die Linie produzieren, es ergeben sich so besonders mit groben Zeichenwerkzeugen eine ganze Reihe "zufälliger", unregelmässiger Linien, die von sich aus schon sehr an natürliche Linien erinnern.

3. Komposition aus Buchstaben
Das ist eine Vorübung für das Zeichnen von Texturen. (Sehen Sie die Verbindung von "Text" und "Textur"? Es geht um Gewebe...)
Nehmen Sie Ihren Namen oder sonst ein geläufiges Wort, schreiben Sie die einzelnen Buchstaben in alle Richtungen, in verschiedener Grösse, mal verkehrt herum, mal nur Fragmente eines Buchstabens, verbinden Sie die entstehenden Flächen zu Figuren, zerlegen Sie die Buchstaben in ihre Bestandteile: Pünktchen, Haken, Kreuzung, Bogen und spielen Sie den ganzen Vorrat an Figuren in allen Grössen und Richtungen durch!

Dies gilt immer: SPIELEN SIE, setzen Sie sich nicht unter Druck! Zeichnen gehört in den Bereich der MUSE, nicht MUSSE!


Übung des Abends:

Ich habe Ihnen 2 mögliche Themen gegeben, die Sie formatfüllend auf einem grossen Zeichenblatt anfangen sollten (da es sehr kleinteilig zugehen sollte, wird Ihnen nichts anderes übrig bleiben, als die Zeichnung geduldig und mitunter auch nur minutenweise zu Hause fertigzustellen - aber bitte stellen Sie sie fertig, Ihnen selbst zuliebe...):

- 1000 Märchenhafte Blüten von oben gesehen
(Das Thema erklärt sich von selbst, oder?)

- Schlacht der Mikroben
Ihr Zeichenblatt ist der Kampfplatz der guten und bösen Kleinstformen, es entspinnen sich in wechselnder Verdichtung Auseinandersetzungen unzähliger Formen, es gibt Hindernisse und leere Flächen, um die der Kampf entbrennt...




Buch des Abends:


Dieter Brembs, Faszination Linie - Zeichnung neu erleben, Wiesbaden 2006, 34,80 €
hier bei Amazon (gibt es aber auch in allen anderen Buchläden...)
(leider teuer, da Nischenprodukt, die Bücher des Englisch-Verlages in Wiesbaden sind aber dafür wenigstens sehr gut gestaltet)
Wen es nun ganz genau interessiert und seiner Linie auf die Spur kommen möchte, ist bei Prof. Brembs (Uni Mainz) gut aufgehoben. Hier geht es etwas analytischer zu und ziemlich in die Details, akademisch geradezu, aber absolut spannend und gar nicht trocken. Viele gute und klare Abbildungen.


Künstler des Abends:

Horst Janssen
Dubuffet
Paul Klee
Gustave Doré

Dienstag, 8. November 2011

Einheit 1 - Rhythmus, 3.Stunde am Di 25.10.11

Diese Einheit gehört zu den Wichtigsten des ganzen Kurses:
Es gilt zu lernen, auf das grosse Ganze zu achten.

Wir werden in einer späteren Einheit etwas genauer untersuchen, welche Gesetze die Verteilung von Hell und Dunkel oder anderer Bildelemente bestimmen.
Jetzt aber geht es erst einmal auf einfachste Weise darum, ein Gefühl für die Aufteilung einer Zeichenfläche zu entwickeln.

Nach wie vor bitte ich Sie, um ihre Zeichnung immer zuerst einen Rahmen zu zeichnen. Es mag Ihnen stur erscheinen, aber meine Absicht ist es, Ihnen damit bewusst zu machen, dass Sie mit jeder Aktion ein empfindliches Gleichgewicht von Strichen, Linien, Punkten und Flächen erstellen. Diese sind immer auf die 4 Seiten der Zeichenfläche bezogen. Nicht umsonst heisst es, dass mit der Wahl eines bestimmten Formats schon die ersten 4 Linien eines Bildes gezogen sind.

Sie sollten bemerken, dass das FORMAT die erste wichtige Entscheidung bei der Gestaltung einer Zeichnung ist und ein erstes, wichtiges Element des Rhythmus' .

"Rhythmus" heisst diese Einheit, weil Sie mit jeder gezogenen Linie und mit jeder gekritzelten oder schraffierten Fläche eine Abwechslung oder einen Unterschied schaffen, was sich als Abfolge von Leere und Aktion darstellt, so wie ein Händeklatschen oder Fußstampfen eine zeitliche Abfolge markiert und strukturiert. In der Musik ergibt dies den "Puls" eines Stückes. Was es analog auch für die Zeichnung gibt.

In dieser ersten Annäherung an das Phänomen der Aufteilung und des visuellen Rhythmus genügen simple gekritzelte Verdichtungen und Auflockerungen, wie sie Ihnen in der Fotokopie der Seiten 24-25 aus Hans Daucher: Die Grosse Zeichenschule schon begegnet sind.
Wenn Sie sich nicht sicher sind, welche Aufteilung Sie bevorzugen oder für geeignet finden, kritzeln Sie zur Vorbereitung einfach einmal bewusst einige der vorgestellten Lösungen nach, Sie werden rasch merken, was Sie gut finden.

Rhythmus bedeutet in diesem ersten Schritt nur so etwas wie ein "AKZENTMUSTER" - mehr nicht.
Suchen Sie jetzt nicht nach einer perfekten Lösung, nach einem ehernen Gesetz oder Rezept, sondern folgen Sie dem, was sie für richtig und angenehm halten, sozusagen "aus dem Bauch heraus". Sie werden erleben, dass wir unbewusst bzw. kulturell vorgeprägt bestimmten Vorlieben folgen, die sich später auch beinahe mathematisch begründen lassen. Das muss Sie jetzt allerdings nicht wirklich belasten.

Wenn es um "Blickregie" geht, d.h. darum, den Blick des Betrachters auf eine bestimmte, dramatische Stelle der Zeichnung zu lenken, die der ganzen Zeichenmühe den Sinn verleiht, nutzen alle grossen Zeichner seit jeher diese Elemente der Aufteilung und Rhythmisierung des Zeichenblattes, gleichgültig nun, ob Van Dyck eine dramatische Szene um einen kosmischen Kuss webt oder der völlig abstrakte Franz Kline, der es bei der Spannung an sich belässt mit Zeichen, die nie eindeutig zu bestimmen sind - aber sie können es dennoch fühlen, dass die Sache "sitzt", dass die Architektur aus Zeichen und Leere "stimmt".


Warmups oder Lockerungsübungen:


1. Gebogene Linien, wie ein Schlittschuhläufer so leicht wie möglich mit fettem Stift zeichnen. Wie immer auf grosses Blatt in Körperdimension, also mindestens 60x40 cm. Die gebogene Linie so leicht zeichnen, dass da und dort fast Nichts auf dem Blatt zu sehen ist. Schauen Sie, wie leicht Sie werden können. Eine Übung für die eher kräftig Zupackenden, die sich hiermit zu zügeln lernen.


2. Gerade Linien mit feinem Stift so stark wie möglich zeichnen. Schauen Sie einmal, wie dicht Sie mit einem 2B-Stift werden können. Diese Übung ist etwas für die eher zart Zeichnenden, die hier den Mut aufbringen müssen, heftig und stark sichtbar zu werden.



Beide Übungen nacheinander gezeichnet markieren Extrempole, die Sie einmal gespürt und gezeichnet haben sollten, um Ihren eigenen Druck und damit Ausdruck zu entwickeln. Dass das Zeichenwerkzeug und die Qualität des Papiers hierbei auch mitwirken, ist selbstverständlich. Probieren Sie einfach alles aus, was Ihnen in die Hände fällt. Auch ein Kugelschreiber und Druckerpapier ist kunstwürdig! Es ist wie mit Beton: Es kommt darauf an, was man daraus macht...


Übung zur Helligkeitsverteilung 1:




Anhand von Verkleinerungen von Radierungen Rembrandts, der ein Meister der Helligkeitsverteilung war, können Sie sich hiermit in die Denk- und Beobachtungsweise dieses Lernschrittes einüben.
Wählen Sie sich zunächst einmal eine Abbildung aus, die Ihnen zusagt und kritzeln Sie nur die Verteilung der Flecken nach, ohne auf die Details der Erzählung zu achten. Sie können auch gerne völlig abstrakt in hellen und dunklen Drei- und Vierecken oder Kreisen denken. Schauen Sie auch bewusst einmal, was genau Sie an den unsympatischen Lösungen stört - gerade da lernt man oft am Meisten.
Ein kleiner Trick: Schauen Sie durch die Wimpern des fast geschlossenen Auges. Mit diesem Abblendtrick gelingt es oft am Besten, das Hell-Dunkel-Muster zu identifizieren.
Sie dürfen gerne alle Vorlagen in jeder denkbaren Grösse nachzeichnen!



Das Werk Picassos ist für diese Übungen auch gut geeignet, da er auch ein besonders kreatives Aufteilungsgefühl besaß.



Übung zur Helligkeitsverteilung 2:

Wählen Sie sich aus den Reproduktionen von Zeichnungen aus verschiedenen Epochen (siehe unten im Anhang) eine Arbeit, die Ihnen entweder zusagt oder Sie besonders provoziert und versuchen Sie kritzelnd mit dem Zeichenrepertoire, das Sie sich in den letzten Wochen schon erarbeitet haben, den Kern der Zeichnung nachzuzeichnen.
- Achten Sie zuerst einmal auf das Gesamtformat und wo der betreffende Meister Akzente setzte.
- Achten Sie darauf, welches Verhältnis helle und dunkle Stellen haben,
- wo der Zeichner weggelassen oder durch viele Linien betont hat.
- Zeichnen Sie nicht die Figuren, Gesichter und Details nach, sondern achten Sie zunächst nur auf den groben Aufbau und die Art der eingesetzten Linien (wo gibt es lange Geraden, wo kurze, staccato gesetzte Linien, wo Schwünge, wo Gebogene ?).

Diese Übungen sind Ihr erster Kontakt mit der traditionellen Lernmethode der "KOPIE", die ich Ihnen unbedingt nahelege. Kopieren muss nicht immer bedeuten, exakt nachzuvollziehen, was ein alter oder neuer Meister vorlegt, sondern kann auch in einer individuellen INTERPRETATION bestehen, die sich die Vorlage mehr oder weniger frei erschliesst.
Ein Verfahren, das in der Musik üblich und legitim ist - weshalb nicht in der Zeichnung und Malerei?


Ich bitte Sie, die folgenden Vorlagen auf diese Weise zu INTERPRETIEREN, mit all den Zeichenelementen, die Ihnen bisher begegnet sind.



Weitere Anregung:
Schauen Sie in Kunstbüchern und - katalogen, in Kunstkalendern und Zeitschriften nach Bildvorlagen mit interessanten Formataufteilungen. Sammeln und Interpretieren Sie diese so viel und oft es geht. Auf diese Weise erarbeiten Sie sich ein ganzes Arsenal von Lösungen, die Sie auf andere Zeichenaufgaben übertragen können.


Buch des Abends:

- Thomas Lüchinger, Intuitiv Zeichnen - Sehen mit allen Sinnen, Bern 1995, 21 €
(s. Amazon)
Wer sich über den zuweilen esoterischen Klang und die ein wenig therapeutische Grundstimmung hinwegsetzen muss/kann, dem bringt das Buch eine ganze Menge, wenn man sich auf die Entstehung der Zeichnung aus dem Innern und der dem Gefühl näheren Wahrnehmung konzentrieren möchte. 72 praktische Übungen, an deren Ende man das gesamte expressive Repertoire kennengelernt hat.
Nebenbei: Das Buch hat bei Amazon.de einige schlechte Rezensionen und dadurch nur 3 Sterne, weil einige Kritiker offenbar nicht begriffen haben, worum es hier geht. Das Buch heisst NICHT: Garantiert zeichnen lernen... Lassen Sie sich nicht irritieren, in seinem Segment ist der Ansatz des Buches absolut richtig und produktiv, alles andere (Techniken, Raum, Proportionen, usw.) lernt man woanders. Hier geht es nur um den persönlichen Strich, die eigene Linie - und die findet man mit den Übungen garantiert. Und der Strich macht letztlich den eigenen Sound. Was wichtig ist.


Künstler des Abends:


Van Dyck
Tiepolo
Rembrandt
Franz Kline
Claude Lorrain


Anhang:
Vorlagen für die Hauptübung des Abends für alle diejenigen, die weiterarbeiten möchten:
(Bitte auf das jeweilige Bild klicken, es sollte sich eine vergrösserte und ausdruckbare Version des Bildes in einem neuen Browserfenster öffnen)













Dienstag, 25. Oktober 2011

Einheit 1 - Ausdruck, 2.Stunde am Di 18.10.2011

Ablauf:

1 Übersicht über die Lernmodule und deren Zusammenhang
2 Vorbereitung der Warm-Ups und der Übungsaufgabe
3 Warmups: Staccato <------>Legato
4 Übung des Abends







Linienqualität:

Nachdem wir vergangenen Dienstag relativ spontan und unbefangen erste Warmups zeichneten, die uns eine Begegnung mit unserem jeweils persönlichen Strich brachten, kreiste die zweite Stunde um die Untersuchung unseres Ausdrucks.

Der in der Welt der Zeichnung gebräuchliche Begriff für die mit der Persönlichkeit des Zeichners verbundene Qualität der Linie ist DUKTUS.

Ein Vergleich mit unserer tief sitzenden Gewöhnung an einen ausgeglichenen und geradezu gleichförmigen Schreib-duktus führte klar vor, dass diese für die Sprachkommunikation sinnvolle Haltung geradezu ein Hindernis beim Zeichnen darstellt. Also ist nicht nur die Schreibhaltung des Werkzeugs, sondern auch die Art und Weise der Linienproduktion für das Zeichnen ungeeignet.

Es gibt in der Zeichenkunst überraschenderweise keine verbindliche Sprache über die Linienqualität (*). Der von Zeichenlehrern oft geäußerte Hinweis, beim Zeichnen doch bitte die Linienstärken und den damit verbundenen Druck der Hand bzw. des Instruments zu variieren, macht den Anfänger oft ratlos: Worin sollen denn diese Unterschiede im Strich begründet sein? Wann und warum soll man das denn tun? Ist das nicht oft beliebig und dem Augenblick, dem Zufall, der Stimmung unterworfen? Oder gibt es dafür Regeln?

Berechtigte Fragen, die sich im Prinzip nur der Zeichnende selbst beantworten kann. Da es wie gesagt für die Zeichner keine verbindliche Sprache darüber gibt, machte ich mit Ihnen den Versuch, einen Übertrag aus der Musik zu wagen. In der notierten Musik gibt es für den Interpreten Hinweise auf die Ausführung und den Ausdruck der jeweiligen Passage eines Musikstückes. In der musikalischen Ausführung ist hier der Kern der künstlerischen Interpretation, denn die Anweisungen lassen immer Spielraum der Deutung.

Ähnliches könnte man nun auf die gezeichnete Linie übertragen:
Stellen Sie sich vor, ihr Zeichenstift sei ein Instrument, die ausgeführte Spur der Ton.
Der Ausdruck einer Spur, eines Tones wäre dann aus den folgenden Elementen gebildet:

1) ARTIKULATION = Art der Ausführung, die Art des Ansatzes:
Von STACCATO (abgehackt, unverbunden, abgesetzt) <----> bis LEGATO (fliessend)

2) TEMPO = Geschwindigkeit der Ausführung:
Von LARGHISSIMO (sehr breit, behäbig) <----> bis PRESTISSIMO (sehr schnell)

3) DYNAMIK = Stärke oder Kraft der Ausführung:
Von piano pianissimo (ppp, sehr zart) <----> bis forte fortissimo (fff, sehr kräftig)



Spielen Sie bitte in künftigen Warmups einfach alle Möglichkeiten und Kombinationen der Strichbildung durch, zum Beispiel:

- Sehr schnell ausgeführte, abgehackte, aber zart gesetzte Striche - und umgekehrt.
- Lang fliessende, ruhig ausgeführte kräftige Spuren - und umgekehrt.
- Sehr kräftige, behäbig aber abgehackt gesetzte Spuren - und umgekehrt.

Zwischen den genannten Extrempolen liegen viele Nuancen des Ausdrucks. Es sind unerschöpflich viele Kombinationen der genannten Elemente möglich.


Ziel der Übung insgesamt:

Ihnen soll zunehmend auffallen, dass sie mit einem einzigen Werkzeug wie z.B. dem Grafitstift viele Möglichkeiten des Ausdrucks haben. Je bewusster Sie diese Elemente der Spurbildung einsetzen, umso lebendiger und individueller werden Ihre Zeichnungen, gleichgültig, ob Sie nun abstrakt oder gegenständlich arbeiten.

Achten Sie einmal ganz bewusst beim Betrachten von Arbeiten anderer Zeichner, wie diese ihren Strich setzen: 
Van Goghs geschwind und dynamisch gesetzte Rohrfederspuren, Daumiers lebendig-nervös und flirrend unbestimmt gesetzte Reuelinien, Ingres bestimmt und klar geführte Grenzlinien, Klimts zärtlich fliessende Linie. Ignorieren Sie dabei, WAS gezeichnet wird, sondern beobachten Sie das WIE.

(*) Kandinskys Versuch einer Systematik in "Punkt und Linie zu Fläche" von 1929 hat sich hier nie wirklich durchgesetzt (vermutlich wegen des nur schwer verdaulichen, zuweilen nicht nachvollziehbaren, esoterischen Vortrags)


WARMUPS:

Vorbemerkung: Ich beobachte, dass Sie sich alle sehr grosse Mühe geben, kunstgemäss zu arbeiten, was bei den Übungen grossartig ist. Bei den Warmups aber lege ich grossen Wert darauf, dass Sie sich so locker wie möglich machen können und frei und ungezwungen, ohne gestalterische Auflage einfach drauflos zeichnen.
Vermeiden Sie also beim Warmzeichnen alles, was Sie hemmen will oder lange überlegen lässt. Das Warmup ist nicht das Endspiel. Die nachfolgenden Übungen sind nur "Freundschaftsspiele".


Warmup 1) STACCATO

Zeichnen Sie auf dem abgegrenzten, viereckigen Spielfeld eines möglichst grossen Blattes alle möglichen abgehackten, abgesetzten Spuren, mal zart, mal kräftig. Immer wieder an- und absetzend, sodass Ihnen ein gewisser Puls oder Rhythmus auffällt, auch in Bewegungen, die Ihnen eigentlich gar nicht liegen.
Wechseln Sie das Tempo, ihre Kraft, auch die Richtung und Grösse der Spur darf sich ändern. Denken Sie sich ein staccato vorgetragenes Musikstück und zeichnen Sie, was sie hören. Oder legen sie sich zu Hause Musik auf und zeichnen Sie dazu, auch mit geschlossenen Augen. Singen oder Summen Sie Ihr Bild.









Warmup 2) LEGATO

Die gleiche Spielanordnung wie oben, dieses Mal allerdings mit fliessenden Spuren.




Warmup 3) Staccato und Legato









Übung des Abends: Das volle Orchester

Die Aufgabe könnte lauten: Zeichnen Sie einen sinfonischen Klang.
Stellen Sie sich breit und langsam gestrichene Violin- und Celloflächen gegen staccato ausgeführte Flöten und Klarinetten vor, dann die Crashs der Becken, Paukenschläge und Glissandi des Piano oder einer Harfe - auf einmal! Und dann noch leicht aus der Kontrolle geraten...




















Sie dürfen übrigens durchaus auch immer mehrere verschiedene Versionen eines Themas zeichnen!


Hausaufgabe:

Zeichnen Sie weiterhin alle Möglichkeiten des Ausdrucks zwischen Staccato und Legato, so zart und kräftig wie möglich, mal schnell, mal bedächtig.
Zeichnen Sie auch einmal mit geschlossenen Augen zu Ihrem Lieblingsstück, experimentieren Sie mit Ihnen fremden Musikstücken in unterschiedlichem Tempo und Ausdruck.
Schauen Sie mal, welche Palette an Spuren ein einziges Werkzeug hergibt, indem Sie den Stift in allen erdenklichen Haltungen und mit unterschiedlichem Druck verwenden.

Ruhig auch öfter mal ein ganz systematisches Blatt, auf dem Sie nebeneinander gestellt festhalten, was Sie entdeckt haben:





















Für diejenigen, die Musik nicht mögen (gibt es das??) , lassen sich alle Übungen auch auf Geräusche und Klänge des Alltags übertragen:
Zeichnen Sie eine belebte Strasse - nur den Höreindruck allerdings, nicht die konkreten Dinge!
Oder stellen sie sich einen Wald vor bzw. seinen Klang. Wie das Meer klingt. Oder der Wind.
Hören Sie mal bewusst Fernsehn und zeichnen Sie spontan, was sie gerade hören, wie ein seismografisches Gerät.


Buch des Abends:


Hans Daucher, Die grosse Zeichenschule, 14,95 €
( siehe bei Amazon )

Empfehle ich jedem, der sich selbst durch das gesamte Gebiet des Zeichnens (Grundlagen, Portrait, Figur, Landschaft, Stillleben) durchzeichnen möchte. Der Autor erklärt das Wesentliche, gibt aber vor allem sehr viele Beispiele, die man als Vorlage nehmen kann, um sie zu kopieren und weiterzuentwickeln. Das praktischste Buch für Autodidakten!